Was ist Postaktivismus?
Von Phillip Maiwald
Die Krise und wir
Die weltweiten Krisenzusammenhänge überfordern uns alle über die Maßen. Prinzipiell und eigentlich sind wir dazu bereit, etwas gegen die ökologischen oder sozialen Krisen der Gegenwart zu unternehmen. Wir neigen aber mit unseren herkömmlichen Formen des Denkens offenbar dazu, diese Krisen zu reproduzieren.
Ungewissheiten aushalten
Zu den Idealen unserer Gesellschaft gehören heute auch Geschwindigkeit und Optimierung. Wir tendieren dazu, für jedes Problem möglichst schnell eine Lösung finden zu wollen. Wir wollen, dass unsere Lösungen funktionieren und uns Sicherheit bieten, denn das Ungewisse ängstigt uns. Aber auch unsere Neigung, jedes Problem schnell statt nachhaltig zu lösen, ist Teil des Problems. Wir sollten unsere Unsicherheiten, unsere Ängste nutzen, um die Dinge gelassener und genauer zu betrachten. Wir könnten lernen, mit Ungewissheiten konstruktiv umzugehen.
„Ungewissheit ist angemessen in den Belangen dieser Welt. Eine Gewissheit dessen, was wir anfassen und sehen können, ist nur selten gerechtfertigt, wenn überhaupt je. Aus allen Zeiten – von unseren frühesten Vorfahren an – welche Gewissheit ist geblieben? Und doch können wir nicht schnell genug neue Gewissheiten erdenken; wir suchen ihren Trost. Gewissheit ist der leichte Weg.“
Billy Knapp in The Ballad of Buster Scruggs
Wenn wir uns langsam und beharrlich auf den Weg machen und lernen, uns im Unsicheren einzurichten, können wir neue, nachhaltigere Lösungen erarbeiten und für mancherlei alte Antworten ganz neue Fragen finden.
Jenseits des Vorstellbaren
Wir sind also in vielen Aspekten unseres täglichen Handelns Teil der Krise und stellen im Grunde immer mehr fest, wie stark unsere kapitalistische, wirtschaftsliberale Kultur und unser tägliches Denken und Handeln von archaischen Ängsten um unsere eigene, unsichere Existenz geprägt ist. Postaktivismus versucht deshalb Denkräume jenseits des offenkundigen zu öffnen, um an diesen oft wenig beobachteten Stelle unseres Denkens etwas mehr Licht ins Dunkel unserer Verstrickungen zu bringen. Denn genau diese Stellen können uns Perspektiven eröffnen, um neue Ansätze des Umgangs mit sozialen und ökologischen Fragestellungen zu entwickeln.
- Postaktivismus bedeutet, nicht nur gegen ein äußeres Unrecht zu protestieren, sondern sich der eigenen Verantwortung auf allen Ebenen bewusster zu werden. Postaktivismus bedeutet, sich in den eigenen, hartnäckigen Konsumgewohnheiten zu hinterfragen und auch gegen sich selbst zu protestieren.
- Postaktivismus bedeutet auch, bewusst für etwas zu protestieren; den Blick für die derzeitige Situation zu schärfen und an den zahlreichen vorhandenen Gegenentwürfen zum bereits Bestehenden anzuknüpfen. Postaktivismus ist an dieser Stelle inhaltlich eng mit den Ideen einer Postwachstumsgesellschaft verbunden.
- Wir brauchen keinen immer kleinteiligeren, hyperkomplexen Diskurs darüber, was das Problem ist. Denn auch solch ein Diskurs kann schnell zu einem Faktor werden, der es uns schwer macht, in den wichtigen Fragen zu tragfähigen Strategien und Entscheidungen zu kommen. Wir wissen, was das Problem ist. Postaktivismus kehrt auch zum Einfachen und zum Überblick zurück.
- Postaktivismus geht davon aus, dass die Gegenwart der ökologischen Krise letztlich keine Frage der Schuld ist, selbst wenn wir Menschen diese durch unser Handeln verursacht haben. Postaktivismus versteht, dass alles miteinander verbunden ist und dass das Leben auf unserem Planeten heilig ist.
- Postaktivismus versteht, dass man eine ökologische Krise nicht durch ressourcenaufwendige, grüne Technologien lösen und dabei noch in einen ökonomischen Erfolg verwandeln kann.
- Postaktivismus glaubt nicht umbedingt an die Macht der Mächtigen. Postaktivismus glaubt vielmehr an die Kraft der Selbstermächtigung. Wir alle sind Gestalter des kulturellen Wandels, wir sind in den kleinen Dingen wirkmächtig.
- Postaktivismus schließt in Ergänzung zu empirischen, naturwissenschaftlichen auch widersprüchliche und künstlerische Sichtweisen, indigene Weltsichten, intuitive und spirituelle Techniken ein und weiß um die Kraft der Poesie.
- Und Postaktivismus bedeutet noch etwas anderes ganz Entscheidendes: Angesichts des Ernstes der weltweiten Krise sollten wir unbedingt jene unsichtbare Kraft anrufen, die uns allen wohl schon mehr als einmal aus einem verzwickten Schlamassel herausgeholfen hat: die heilende und befähigende Kraft des Humors.
Dämmerung
Es dämmert uns immer mehr, dass unser Wohlstand auf dem Rücken anderer gebaut ist und dass er gestohlen ist. Es dämmert uns, dass wir durch unsere privilegierte Lage eine besondere Verantwortung tragen. Es dämmert uns, dass wir in Zukunft mit anderen teilen müssen und dass wir es lernen sollten, zu verzichten und im Verzicht auch etwas Positives zu erkennen. Jedes Lebewesen lebt gern ein gutes und bequemes Leben. Wir müssen aber aufhören für unsere oft unsinnigen und zum Teil grotesken Annehmlichkeiten unsere Lebensgrundlagen zu zerstören. Dieses Ziel konsequent zu verfolgen, ist eine Herausforderung, aber auch etwas überaus Schönes, was an vielen Stellen der Gesellschaft bereits Realität wird, und auf das wir uns freuen sollten.

